Im Laufe der Zeit siedelten sich in der Neustadt immer mehr Kneipen an und sie wurden immer nobler.
Inzwischen dominieren Cafés und Bars der gehobenen Kategorie, trotzdem leben nach wie vor viele Alternative, Linke, Künstler und Migranten in der Neustadt. Sie bestimmen das Straßenbild und auch deshalb gilt das Viertel als Partymeile und Touristenattraktion. Allerdings stören diese Leute auch, nämlich genau dann, wenn sie beim Geldverdienen vermeintlich im Wege stehen. Dazu reicht mitunter die bloße Anwesenheit, Punks die auf dem Fussweg sitzen oder Gruppen von Jugendlichen, die sich an öffentlichen Plätzen versammeln. Immer wieder gibt es Vorstöße von Politikern, die Neustadt im bürgerlichen Sinne zu befrieden, meist nach irgendwelchen Vorfällen zur BRN. Schon jetzt ist das Ordnungsamt mit seinen schwarzen Sheriffs übermäßig in diesem Stadtteil unterwegs und macht Jagt auf Hundehalter, die ihren Hund ohne Leine ausführen und ähnliches. Inzwischen verschärft sich der Ton wieder einmal. Anlass waren Jugendliche, die sich regelmäßig vor einem der Clubs treffen und dessen Besucher abschrecken könnten.
Jetzt soll die Neustadt videoüberwacht werden; nicht flächendeckend. aber an einigen "Punkten". Zum zweiten Mal. Entzündet hat sich die Debatte diesmal an einer Menschenmenge, brennenden Papiercontainern, und der unverhältnismäßigen Reaktion der Polizei. "Das werde ich nicht dulden." hatte Innenminister Buttolo daraufhin der Presse gesagt, "Ich bin es leid [...]" Derzeit werden die geplanten Kamerastandorte "geprüft", anschließend werde mit den Besitzer_innen der anliegenden Häuser gesprochen. In erster Linie wird es den Raum vor dem Club "Scheune" auf der Alaunstraße, vermutlich aber auch Orte wie die Ecke Görlitzer-/Louisenstraße und den Albertplatz betreffen. Plätze, an denen sich Menschen aufhalten, die aufgesucht und nicht nur passiert werden, also soziale Orte.
Das ist allerdings nicht neu. Im Jahre 2002 hatte der damalige Innenminister Hardrath ähnliche Pläne. Unterstützt, ja dazu gedrängt wurde er vom Haus & Grund e.V., einer Immobilienbesitzer_innenvereinigung. Erklärtes Ziel dieses Vereins war es gewesen, die Neustadt "nicht zum Tummelplatz für Ausgeflippte und Aussteiger verkommen [zu lassen]". Sich per Kamera überwachen zu lassen, fand jedoch nicht den erhofften breiten Zuspuch der Bewohner_innen und Geschäftsleute der Neustadt. Das Projekt konnte nicht umgesetzt werden. Wer auf die Überwachung vor der eigenen Kneipe trotzdem nicht verzichten wollte, musste selbst dafür aufkommen und hatte nur begrenzten Spielraum.
In Städten differenziert sich die Gesellschaft auch räumlich, es gibt Orte, an denen Subkulturen gelebt werden, es gibt unbelebte Orte und es gibt ein räumliches Gefüge dazwischen. Allerdings gibt es auch Verschiebungen und Verdrängungen.
Etwa die gentrification: Orte dynamischer Subkulturen - zu denen ist die Dresdner Neustadt zweifelsohne zu rechnen - werden attraktiv für gehobenere soziale Gruppen. Zunächst für einige interessierte, flexible Pioniere; sind die zu einer bedeutenden Gruppe geworden, so steigern sie ihrerseits die Attraktivität für noch besser gestellte Schichten. Dann folgen Investitionen, steigende Preise, andere Kulturen. Die Subkultur und ihre Protagonist_innen weichen in andere Gegenden aus.
Dieser Prozess ist in der Dresdner Neustadt nicht beendet; sie hat den Charakter als explizit linkes Viertel oder Hausbesetzer_innengebiet längst verloren, ist aber noch immer Lebensmittelpunkt zahlreicher verschiedener Gruppen. Wo sollten sie auch hin? Welche Alternativen bietet Dresden?
Plätze der Subkulturen, die nicht den sozialen Normen entsprechen oder sich nicht ausreichend integrieren, sind in der bürgerlichen Wahrnehmung gefährliche Orte. Das können Treffpunkte von Migrant_innen sein, solche, an denen Obdachlose übernachten, betteln, sich treffen, Aufenthaltsorte subkultureller Jugendlicher oder auch schwule cruising areas.
Diese Räume werden in der gesellschaftlichen Situation verstärkter Kontrolle unterzogen; es ist nicht mehr das Ziel, alle Menschen zu disziplinieren, sondern, ausgeschlossene Menschen von den Brennpunkten des Lebens der Normalgesellschaft fernzuhalten und gleichzeitig, Nicht-Ausgeschlossene latent aber permanent mit dem Ausgeschlossenwerden - etwa dem Verlust des Arbeitsplatzes - zu bedrohen. Unter Überwachung stehen damit in erster Linie die Verkehrsadern, die zu den Zentren der Normalgesellschaft hinführen, ferner die Außen- und Eingangsbereiche dieser Zentren und schließlich die Orte der ausgeschlossenen selbst, die gefährlichen Orte. Penible Sauberkeit, helle Farbgebung, weiträumige Übersichtlichkeit und feierliches Flair machen abweichendes Verhalten sichtbar. Wer wartet, runhängt, sich aufhält, kein bestimmtes Ziel verfolgt, wirkt auffällig, zieht Blicke auf sich, die stumm zu einer Rechtfertigung für dieses Verweilen auffordern.
Damit nicht genug: manche Menschen fallen auch ohne besonderes Verhalten auf. Migrant_innen, Obdachlose, Punks können, je nach Ort, bestimmender sozialer Gruppen und herrschender Normen durch ihre bloße Anwesenheit eine Normverletzung darstellen. Diskriminierungen aller Art können in normierten, kontrollierten Räumen ganz andere Dimensionen erreichen.
Die Methodiken umfassen private oder polizeiliche Ordnungshüter_innen, die nur Präsenz zeigen oder auch selbst gewaltsam tätig werden, Kameras, Kameraattrappen, übersichtliche Raumgestaltung ohne Sitzgelegenheiten und die allgemeine Beschallung mit Werbung oder getragener Musik. Zum ersten wird abweichendes Verhalten sichtbar gemacht, zum zweiten wird es sanktioniert, was wiederum einen Raum ohne abweichendes Verhalten erschafft - auch das wird für alle sichtbar und erkennbar gemacht.
Sind zur Sanktionierung gegebenenfalls größere Aufgebote Uniformierter vonnöten, so geben sie dennoch kein schönes Bild ab - viel subtiler ist es doch, wenn die Überwachenden nicht sichtbar sind, sich hinter Kameras verstecken oder wenn sich die Sanktionierung durch die strafenden Blicke der Passant_innen selbst vollzieht. Von diesem Punkt an ist es nicht mehr möglich, festzustellen, wann wer beobachtet wird und wann nicht. Hat die Security den Bildschirm im Blick? Werden die Aufnahmen irgendwann durchgesehen? Reagieren die Passant_innen auf Abweichungen von der Norm? Es spielt keine Rolle mehr. Sich beobachtet fühlen und nichts zu verbergen haben wird selbst normales Verhalten.
Wer zuviele Daten sammelt wird die Kontrolle über den Datenwust verlieren, effektive Kameraüberwachung benötigt - dem Anspruch nach - "gute" Kameras, die detailreich und auch bei Dunkelheit funktionieren. “Gute" Kameras sind teuer und lassen sich mit einem simplen Laserpointer doch blenden. Ein ins Gesicht gezogenes Basecape reicht aus, um für die Kamera, die meist von schräg oben filmt, nicht mehr erkennbar zu sein. Kameraüberwachung ist offensichtlich nicht dazu geeignet und gedacht, "Verbrechen" zu bekämpfen und "Straftäter_innen" zu stellen, vielmehr vermag sie flächendeckend das Verhalten der Menschen zu normieren, "Verbrechen" und andere nicht normenkonformen Verhaltensweisen räumlich anderswohin zu verschieben.
Die alten und neuen Betreiber_innen der "Scheune", gewissermaßen des Ortes, an dem sich die Debatte entzündete, gaben einem gemeinsamen Aufruf heraus. Darin denunzierten sie das "bunt gemischte Klientel" aus Punks, Gothics, Skinheads und Hooligans in der Neustadt, um sodann anderen Werten Geltung zu verschaffen: Werten wie Nachtruhe und größere Sicherheit für die Besucher_innen der Scheune. Das heterogene "Klientel" mache es ihnen im Übrigen "besonders schwer [...], die Beweggründe dieser jungen Leute zu verstehen."
Treffpunkt ist der Vorplatz der Scheune allerdings schon lange; schon, bevor die Gebäude gegenüber der Scheune errichtet waren. Damals gab es dort Bänke, auf denen mensch sitzen konnte, heute gibt es nur noch in den anliegenden Kneipen offizielle Sitzgelegenheiten. Und mit der schleichenden gentrification steigen auch die Preise schleichend - gerade in der Scheune selbst. Der Betreiber_innenwechsel zum 1.1.2007 wird diesen Trend sicher nicht umkehren.
Die Videoüberwachung ist aber noch nicht alles, womit die Normierung der Neustadt vorangetrieben werden soll. Der Plan umfasst auch, dass Spätshops nach 22:00 Uhr keine alkoholischen Getränke mehr verkaufen dürfen, die benachbarten Freisitze der Kneipen hingegen doch. Wer es sich leisten kann und in den Kneipen und Cafés akzeptiert wird, darf weiterhin in der Neustadt trinken, alle anderen haben sich gefälligst andere Plätze zu suchen, am besten so, dass sie aus dem Blickfeld verschwunden sind.
Zu hoffen bleibt, dass es in der Dresdner Neustadt zu einem möglichst breiten Widerstand gegen diese Pläne kommt. Einige Initiativen haben sich bereits zusammengefunden.